Kommentar:

Zhu Ning-Yan, Stuttgart

In der Besprechung eines Fotoalbums (Capturing China: from civil war to rising superpower, ft.com, 28 September 2018) heißt es sinngemäß, es gibt etwa drei stereotypische Außenwahrnehmungen von China: big China, bad China and weird China.
Daher ist es eine große Stärke des Buches, dass die Autorin mein Land völlig unvoreingenommen porträitiert hat, wie es damals war; es liegt vermutlich am unabhängigen Charakter der Autorin, welcher überall in diesem Buch zu spüren ist. Eine weitere Stärke ist die lebendige Erzählweise, gespickt mit einfühlsamen Reflexionen und humorvollen Kommentaren.
Für mich ist das Buch ein erneuter Beleg dafür, dass das Leben die schönsten Geschichten schreibt: die berührende und zugleich verstörende Begegnung mit dem Tempelwächter und seiner Enkelin, sowie der weitere unerwartete Verlauf der Reise nach dem Besuch des sitzenden Buddha in Leshan; die große Überraschung und Freude, Erdbeeren in Qingdao kaufen zu können—welche nur diejenigen nachempfinden können, die lange im entfernten Ausland gelebt haben—und die unbeantwortete Frage, ob Erdbeeren auch ein Überbleibsel aus der Kolonialzeit sind. Nicht zuletzt sind es die zahlreichen Fotos, welche das China von gestern für immer festgehalten haben. Schade nur, dass vor allem die Farbfotos nicht auf Hochglanzpapier gedruckt wurden.
Aus den oben genannten Gründen empfehle ich das Buch jedem China-Interessierten wärmstens.“

Dr. Zhu Ning Yan, Stuttgart, 14. Oktober 2018

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Inhaltsverzeichnis:

  • Vorwort
  • Mandarin lernen
  •  „Gemeinsam ein Boot rudern“ – die Tongji-Universität Shanghai
  • Peking – die Kaiserstadt 
  • Shanghai, das „Paris“ Chinas
  • Die „Einheit“ kümmert sich um alles!
  • „Im Himmel gibt es das Paradies, auf Erden gibt es Suzhou und Hangzhou.“
  • Suzhou – das „Venedig des Ostens“
  • Die vier „m“ – Chinesischer Alltag
  • „Wer den Taishan bezwungen hat, hat sich selbst bezwungen!“ (Konfuzius)
  • „Wir bauen für hundert Jahre!“ – Tsingtao – die deutsche Kolonie Kiautschou
  • Qufu – Geburtsort des „Grossen Weisen“ Konfuzius
  • Guilin – die „Stadt des Duftblütenwalds“
  • Kunming –  die „Stadt des ewigen Frühlings“
  • Leshan – „der Berg ist ein Buddha und der Buddha ist ein Berg“
  • Eine Armee für das Jenseits! – Xian, Ausgangspunkt der Seidenstrasse
  • Hainan – das „Hawaii Chinas“
  • Epilog: 11 Monate später

Nur das Vorwort ist hier vollständig zu lesen. Es folgen Textauszüge einiger Kapitel und eine Auswahl der 140 Fotos.

Das Buch ist erhältlich beim Engelsdorfer Verlag, Leipzig, www.engelsdorfer-verlag.de, ISBN 978-3-96145-355-9, auch zu beziehen via amazon.

Alle Rechte für die Fotos liegen bei der Autorin.

Vorwort:

In der endlosen grünen Berglandschaft im Norden Nepals bewacht ein einsamer chinesischer Soldat die kaum markierte Grenze. Ich winke ihm. Er winkt – natürlich – nicht zurück. Zum erstenmal spüre ich den Wunsch, dieses China, das dort an der Grenze beginnt, kennenzulernen. Es ist mehr als ein Wunsch, fast eine sentimentale Sehnsucht. Ich bin selbst überrascht. 

Vier Jahre später,1982, bietet sich mir die unerwartete Gelegenheit, meinen Wunsch zu verwirklichen, China, dieses abgeschottete Land, ein wenig „von innen“ kennenzulernen: ein elfmonatiger Lehrauftrag an der Tongji-Universität Shanghai wird mir angeboten, den ich begeistert annehme.

China war zu Beginn der 1980er Jahre ein armes Land, das in seiner Planwirtschaft – trotz sogenannter Vollbeschäftigung –  stagnierte. Die Spuren der Zerstörung durch die Kulturrevolution waren besonders deutlich an kulturellen Stätten sichtbar. Die Kommunen wirkten rückständig, ihre Herstellungsmethoden und Produkte ebenfalls. 

Eine Neuorientierung schien dringend notwendig: sie begann mit der von Deng Xiao-Ping verkündeten „wirtschaftlichen Liberalisierung“ im Jahr 1984, eine einschneidende grundsätzliche Veränderung, deren Dynamik niemand voraussah. Die allmähliche Auflösung der Kommunen und das Ermöglichen von Privatverdienst sollte schliesslich sogar das Einparteiensystem infrage stellen. 1989 kam es zum Volksaufstand auf dem Tian-an-Men-Platz in Peking, der das Land zu erfassen drohte und den derselbe Deng mit aller Gewalt niederschlagen liess. Die Macht der Partei blieb bis heute ungebrochen. 

Seitdem hat sich das Leben in China drastisch verändert; vieles ist verschwunden oder „modernisiert“ worden. Die Vergangenheit wurde als überwunden erklärt, eine kritische Diskussion von Maos Kulturrevolution oder den Ereignissen von 1989 ist bis heute verboten. Nach dem Willen der herrschenden Kommunistischen Partei ist China kraftvoll und entschieden zur Wirtschaftsmacht, zum „global player“, aufgestiegen.

An den Wochenenden und in den langen Ferien zum Frühlingsfest bin ich soviel und soweit wie möglich im Land herumgereist. Trotz beschränkter Mandarin-Kenntnisse – Englisch sprach damals fast niemand, schon gar nicht in ländlichen Regionen – kam ich ohne Zwischenfälle weit in den Süden nach Guilin und Kunming, zum gewaltigen Buddha von Leshan, sogar bis auf die Insel Hainan, nach Westen bis Xian und zu den Höhlen von Dazu und nach Nordosten bis Qufu, dem Geburtsort von Konfuzius, auf den heiligen Berg Taishan und in die ehemalige deutsche Kolonialstadt Qingdao. Die rund 700 Fotos, die ich in dieser Zeit gemacht habe, dienen mir heute als Erinnerungsauslöser für Erlebnisse und Eindrücke unterwegs oder auch im Alltag in der Stadt Shanghai. Es sind persönliche Momentaufnahmen aus einer Zeit kurz vor Chinas gewaltigem Umbruch. Meine Studenten, die ich dreissig Jahre später wiedersah, haben mich bestärkt, diese Fotos und Aufzeichnungen zu veröffentlichen. Ihnen ist dieses Buch gewidmet.

alle 5 Klassen des Aspiranten-Kollegs 1982/83 der Tongji-Universität Shanghai, Rektor und Professoren in der ersten Reihe

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Shanghai

Einkaufen auf der Nanjing Lu, Shanghai, 1982
skyline Shanghai 1982
Wohnblocks und Innenhofgasse

Das beliebteste Geschäft lag an der bis heute wichtigsten Kreuzung in Shanghai, nämlich der Kreuzung von Nanjing Lu (Nanking Strasse) und Xizang Lu (Tibet Strasse). Es war das schon damals größte Kaufhaus in Shanghai und nannte sich entsprechend – über dem Eingang steht noch heute „Das erste Kaufhaus Shanghais“, man kennt es aber unter dem Namen „Kaufhaus Nr.1 “ . 

Sobald ich einen freien Tag hatte, mischte ich mich unter die Flanierenden und liess mich mitstrudeln. Ich blieb wie sie an denselben Schaufenstern stehen, die einfarbige und diskret gemusterte Stoffe zeigten, buntes Emaille-Geschirr mit Fischen oder Pandabären bemalt und vermutlich ermunternden Sprüchen versehen, oder auch Plastikschüsseln, -becher und -kannen in allen Grössen und Farben und bedauerte, nichts von den Kommentaren zu verstehen. Denn alles wurde kommentiert: die Preise? Die Vielfalt oder Einseitigkeit des Angebot? Was man demnächst kaufen möchte oder müsste? Um mich herum wurde jedenfalls angeregt diskutiert. So entdeckte ich ein Geschäft mit Fotoapparaten, besser gesagt mit der damals klassischen Box. Hier wurden auch Fotos entwickelt und Rollfilme angeboten.

Dort kaufte ich später meinen Film-Nachschub und liess meine Fotos entwickeln. Immer wenn ich Fotos abholte und diese ansah, lief der ganze Laden zusammen und blickte mir über die Schultern. Natürlich wollten alle sehen, was der Ausländer fotografiert hatte.

Wenn Chinesen fotografierten, dann sich selbst, die Liebste oder das Kind vor einer Sehenswürdigkeit, meist bei einem Ausflug, einem Geburtstag oder einer Hochzeit – niemand gab Geld aus, um den „normalen“ Alltag zu fotografieren, so wie ich es tat. Und niemand machte reine Reisefotos – ohne Familienmitglied im Vordergrund. Warum fotografierte ich nun bloss eine Dorfstrasse, eine Rikscha am Strassenrand, einen Marktstand mit einem Haufen Herzkohl?  

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Chinesischer Alltag

Die vier „m“: mei you (haben wir nicht), mai wan le (ausverkauft), mingtian (morgen), mei guanxi (macht nichts)

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Ich hatte nicht viel erwartet, war aber doch ernüchtert vom dürftigen Angebot: ein paar Dosen mit Corned Beef, verpackter Trockenfisch, dessen Geruch im ganzen Laden hing, grüner Tee, weitere Trockenfrüchte oder -gemüse, ein paar Kartoffeln, Pakete mit Nudeln, Reis in grossen Beuteln, allerlei Gewürzmischungen und chinesische Sprudel und Alkoholika bunt etikettiert, Sojasauce….Das lag abwechselnd arrangiert in beleuchteten Tresen oder stand aufgereiht in verglasten Wandschränken. Es gab leider hauptsächlich Konserven, fast nie frisches Gemüse, lediglich wieder den allgegenwärtigen Herzkohl, der in grossen Halden auch hier vor dem Geschäft auf der Strasse lagerte – heute als Delikatesse (pak-choi) auch in deutschen Supermärkten teuer angeboten. Im Sommer gab es manchmal Möhren, Tomaten, Kartoffeln, gar Zwiebeln! Noch waren wir im Herbst und ich fragte mich, wie die Ernährung den Winter über wohl aussehen würde. Ich hatte vorsorglich Vitamin C mitgebracht, aber würde das die einseitige Ernährung ausgleichen? Und es gab dann auch Momente, wo ich Widerwillen gegen eingelegten Rettich, Trockenfisch und Herzkohl empfand. Das kam mit der Zeit.

Herzkohl

Auf meine – möglicherweise nicht ganz verständliche – Frage nach frischem Gemüse oder Obst zuckte die Bedienung die Achseln. Ihre Lieblingsantwort schien „mei you“ zu sein – haben wir nicht. An diese Antwort würde ich mich zu gewöhnen haben, sie kam oft. Später lernte ich einen gängigen Witz von meinen Studenten, die vier „M“ : mei you – gibt es nicht, mai wan le – ausverkauft, mingtian – morgen und mei guanxi – macht nichts.  Ein Witz, der den nicht funktionierenden Kommunismus charakterisierte –  es gab also doch Kritik am System, man machte sich sogar darüber lustig!

Im folgenden Jahr führte man in diesem Geschäft Bonuszahlungen anteilig der verkauften Waren für das Verkaufspersonal ein und siehe da: das Personal hinter den Tresen war aufmerksam, freundlich, lächelte sogar, auch wenn das Angebot unverändert blieb.

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Für die ausländischen Dozenten stand in der Nähe der Universität nur wenige Minuten per Fahrrad entfernt ein Komplex aus zwei Wohnblocks zur Verfügung.

meine Wohnung

Die Wohnungen waren für chinesische Verhältnisse gross und gut eingerichtet und einmal pro Woche kam das Reinigungspersonal, putzte und entsorgte den Müll. Milch, die in China wegen einer verbreiteten Laktoseresistenz selten konsumiert wurde und auch nicht in den üblichen Geschäften zu kaufen war, wurde uns wöchentlich geliefert. Sie war in Glasflaschen mit Pappdeckel abgefüllt, wie ich sie aus meiner Kindheit in den 50er Jahren kannte. Auch Brot gab es nicht zu kaufen und wurde auf unseren Wunsch hin eigens für uns gebacken. Es war ein neutral schmeckendes graues Brot mit viel Kleie. Auch das kam wöchentlich. Zum Glück gab es eine kleine Kantine im Erdgeschoss, die während der Woche für uns alle ein Mittagessen zubereitete. Die Mahlzeiten bestanden aus Reis, mal mit Fisch, mal mit Huhn und Herzkohl, und wechselten sich ab mit chinesischen Nudelgerichten. Die Küche war bekömmlich. Ausserdem war ich nach mehreren Stunden Unterricht froh über eine warme Mahlzeit. 

Das Wohngelände war mit einer Mauer umgeben. Als Eingang diente ein enges Tor, das nur jeweils eine Person passieren konnte. In einem Pförtnerhäuschen mit Schiebefenster sass ein immer ein Wachmann. Einzelbesuche der chinesischen Studenten waren nicht erwünscht, aber einige Male durfte mich eine Gruppe aus meiner Klasse besuchen. Angesichts meiner zwei Zimmer plus Bad plus Küche nur für mich allein staunten sie. Die Unterbringung war nachgerade luxuriös.

Der durchschnittliche Wohnraum pro Familie war damals in China auf fünfzehn Quadratmetern pro Familie festgelegt, dazu gehörten Gemeinschaftsküche und -waschräume. Eine eigene Küche oder gar Badezimmer gab es nicht. Die revolutionären Garden Maos hatten sogar Bäder oder WCs aus eleganteren Privatwohnungen herausgerissen – sanitäre Anlagen sollten nach der „Revolution“ nur noch gemeinschaftlich sein. Pro Wohnung gab es ein Stromkontingent für eine Glühbirne, die man von draussen von der Decke baumeln sah. Gardinen sah ich selten.

Häufig war das Fenster geöffnet, denn zwecks Trocknung wurde die Wäsche an einer Bambusstange aufgehängt – Hemden durch einen Ärmel, Hosen durch ein Bein – die senkrecht zum Haus nach draussen ragte. Es war eine eintönige Dekoration in grau, blau, grün und weiss. Diese Wäsche-Dekoration sagte viel über das Leben der Chinesen und die verordnete Anspruchslosigkeit. China war ein armes Land, das war unübersehbar und bedrückend. Man lebte sehr eingeschränkt und auf knappem Platz. 

Wer in einem der alten Innenhof-Komplexe wohnte, konnte die Gasse als zusätzlichen Freiraum nutzen. Dort hing die Wäsche zum Trocknen quer über die Innenhofstrasse, darunter hockte und plauderte man, wusch Gemüse, spielte Mahjong oder las, immer auf den typischen niedrigen Hockerchen aus Bambus oder Plastik. Anscheinend sass man gern auf der Strasse, traf sich des Abends unter der Laterne zu einem Spielchen oder Schwatz und liess sich vom Strassenbetrieb überhaupt nicht stören. So mancher schlief dort sogar in warmen Sommernächten immer noch besser, als zu mehreren in einem Zimmer! Auch so mancher Friseur arbeitete im Freien; das Haareschneiden oder Rasieren wurde gern von den Umstehenden begutachtet. 

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Tongji-Universität Shanghai

Am ersten Tag rief man uns zur Einweisung in der Kantine im Souterrain unseres Wohnblocks zusammen. Hier würden wir nicht nur jeden Mittag essen, sondern uns zu Besprechungen treffen und auch zum Unterricht in Mandarin zweimal pro Woche. Frau Yang, eine ältere grauhaarige und ziemlich dunkelhäutige Chinesin im gutsitzenden grauen Hosenanzug und mit erstaunlich sicheren deutschen Sprachkenntnissen, in der DDR erworben, stellte sich noch einmal vor – sie hatte uns schon in Peking abgeholt – als unsere Kontaktperson zur „Einheit“ Tongji für alle Fragen, Sorgen, bei Krankheiten…..Sie würde uns auch bei allen Exkursionen und Veranstaltungen begleiten und sei „immer für uns da“. Das war sie dann auch tatsächlich, nahezu allgegenwärtig. Es war mehr als ein Angebot zur Betreuung, sondern schloss die Verpflichtung von uns ein, möglichst nichts ohne sie, bzw. ohne ihre Kenntnis zu unternehmen, was ausserhalb der Arbeit – und vor allem ausserhalb von Shanghai –  stattfand. Sie hatte zwei Assistenten, die ebenfalls Deutsch sprachen und gelegentlich mit dabei waren. 

Das Verlassen der Stadt Shanghai ohne Genehmigung sei nicht erlaubt, sagte man uns. Es sei aber kein Problem, diese – rechtzeitig vorher beantragt – zu erhalten. Zu beantragen sei diese beim Ausländeramt, also bei Frau Yang. Ich hielt mich meist nicht daran, oft ergab sich auch ein Reiseplan kurzfristig, auf den ich mangels Genehmigung nicht verzichten wollte. Ich vergass es zu Anfang und später widerstrebte es mir. Ich hatte nicht vor, mich dieser totalen Kontrolle zu unterwerfen. Die „Einheit“ Tongji erfuhr ohnehin umgehend davon, denn in Hotels (von denen es damals nur wenige gab), auch beim Kauf einer Zugfahrkarte oder eines Flugtickets war immer der Einheits-Ausweis vorzulegen. Niemand ging verloren oder geriet aus dem Blick. Frau Yang wusste immer montags morgens schon, wo ich –  meist ohne Genehmigung – am Wochenende hingefahren war und sprach mich noch vor dem Unterricht darauf an. Ich entschuldigte mich, sie ermahnte mich, dabei blieb es letztlich. Immerhin gab es – rechtzeitig beantragt – Genehmigungen für Einzelreisen, und mir wurde erst später bewusst, was für eine Sonderolle der Status des „Experten“ doch bedeutete. Vieles eigentlich Unmögliche war möglich, solange das Kolleg-Projekt nicht abgeschlossen war. Immerhin war ich als Experte ein „kleiner Freund“, ein xiao pengyou. Darauf setzte ich, mit Erfolg. Vermutlich wurde auch die ein- und ausgehende Post kontrolliert, genug Deutschkenntnisse dazu hatte man in unserer Einheit. Ich habe mir darüber ganz bewusst keine Gedanken gemacht, oder anders gesagt: ich nahm das stillschweigend in Kauf. China war eben nur zu seinen Bedingungen zu „haben“.

Eingang Tongji Universität Shanghai

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Suzhou

Die Musterwohnung in der Kommune 

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Das Musterdorf hatte fünfzig Häuser mit je zwei Wohnungen, die Familien arbeiteten alle in den Werkstätten oder auf den Feldern. Wir würden als erstes die Musterwohnung ansehen, dann einige Werkstätten der Kommune: Angora-Stickerei, Kerzen-Herstellung, Fabrikation von Feuerwerkskörpern, Seidenraupen-Zucht, Austernperlen-Zucht.

Kommune bei Suzhou

Die einstöckigen weissgetünchten Häuser standen dicht nebeneinander an der schlammigen Strasse, es hatte geregnet. Vor einem Haus sass eine Frau mit zwei grossen Plastikschüsseln und wusch Wäsche. Ein milbiges Huhn lungerte neben ihr lustlos herum.

Der Leiter der Kommune öffnete die Tür zu einer Haushälfte und bat uns hinein. Die Wohnung bestand aus zwei Zimmern und einer Küche. Fussboden und Wände waren aus nacktem Beton. Im Wohnzimmer stand ein junger, sehr schlanker Chinese in weissem Hemd und grauer Hose und lächelte uns schüchtern an. Begrüssungsfloskeln wurden ausgetauscht, Frau Yang bedankte sich in unserem Namen. Wir lächelten zurück und sahen uns zaghaft um. Der erste Eindruck war bedrückend, aber ich wollte mir nichts anmerken lassen und bemühte mich um einen neutralen Gesichtsausdruck. Ein Tisch, dekoriert mit einem Strauss Plastikblumen in einer Plastikvase stand in der Mitte des Raumes, unter dem einen Fenster ein Schreibtisch glänzend poliert, ebenfalls mit einem Plastikblumenstrauss geschmückt, daneben eine Art Kommode mit Spiegelaufsatz – ein ungewohnt luxuriöses Möbelstück. Sass seine junge Frau morgens davor und machte sich schön? Die Vorstellung schien grotesk. Auf der Kommode stand ein Tisch-Ventilator. Auf der anderen Seite des Schreibtisches sah ich einen Musikschrank mit buntem Front-Dekor, obendrauf lag ein Hartschalen-Aktenkoffer. Der junge Mann musste eine Art Kader sein, denn diese Koffer waren hauptsächlich den politischen Funktionären vorbehalten, das hatte ich schon beobachtet. „Normale“ Chinesen trugen eine schwarze Plastik-Handtasche mit Henkeln. Unter dem gegenüberliegenden Fenster stand ein Sofa, zumindest der Form nach, denn es hatte keine Polsterung; über dem Holzgerüst hing ein Stoffüberwurf. Obwohl es draussen milde war, herrschte eine feuchte Kühle, die nach Beton roch. Konnte man in diesem Raum „wohnen“? Ich sah keinen einzigen Stuhl. Die Beleuchtung stiftete eine Glühbirne, die von der weissgetünchten Decke mit hölzernen Dachbalken herunterhing. Eine Stehlampe mit schiefem Stoffschirm im Blümchenmuster war tief in die Ecke des Raumes geschoben worden. Es sah nicht so aus, als würde sie benutzt. Überhaupt sah alles hingestellt aus, aber nicht bewohnt. Eine reine Vorzeige-Wohnung für Besucher der Kommune?

die Musterwohnung

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Der Heilige Berg Taishan

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morgens früh in Tajan am Bahnhof

Ich war nach Tajan, dem Ort am Fusse des Tai Shan mit dem Nachtzug aus Shanghai gekommen und stieg nach einer schlechten Nacht recht müde am Morgen dort aus – keine gute Voraussetzung für eine anstrengende Bergtour. Aber wäre eine Übernachtung in einem der kleinen Bergwanderer-Hotels in Tajan weniger unbequem gewesen? Der Aufstieg in der frischen Luft würde schon die nötigen Kräfte mobilisieren, hoffte ich. Eine weitere Übernachtung in der Unterkunft auf dem Berggipfel, um den Sonnenaufgang zu sehen, war unumgänglich. Der Sonnenaufgang auf dem Berg war das wichtigste Erlebnis dieser Tour!

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Vom Bahnhof aus zog schon ein Menschenstrom Richtung Berg: meist kleinere Gruppen, Familien, auch viele ältere Chinesen sah ich losmarschieren, darunter zierliche alte Frauen, die noch auf eingebundenen Füssen mit Stock vorantappten. Alle wollten hinauf und am nächsten Morgen den „Anfang der Welt“ sehen, wie der Sonnenaufgang auf dem Tai Shan in China umschrieben wurde. Vor dem ersten Tor stand ein ausgestopfter Tiger, und ich habe mich doch tatsächlich mit ihm fotografieren lassen!

Beim Weg über die mittlere Route erfolgt der Aufstieg relativ sanft; nie sah ich die ganze Strecke vor mir, immer nur ein Teilstück bis zum nächsten Tor oder Tempel. Die Stufen waren hoch, uneben und die Treppe steil. Da hilft nur konzentriertes Steigen, Schritt um Schritt. Es gilt, etwa eintausenddreihundert Meter Höhenunterschied zu überwinden; üblicherweise braucht man vier Stunden für die lange Treppe.

Aufstieg zum Taishan

Es war vier Uhr morgens; draussen eilten alle schon auf die nach Osten ragende Felsspitze, um von dort aus den Sonnenaufgang zu sehen. Die vordersten Plätze waren schon belegt. Jeder wollte genau hier direkt im Angesicht der aufgehenden Sonne auf der vorkragenden Spitze sitzen. Und alle hofften auf einen klaren Sonnenaufgang ohne Nebel oder bewölkten Himmel. Ich fand einen Platz ziemlich weit vorn.

Wir hatten Glück: vor einem wolkenlosen Himmel stieg die Sonne aus scheinbar unendlicher Tiefe empor und begann sehr allmählich, die Erde in dunkles Orange zu tauchen. Das Licht kroch von unten langsam nach oben herauf, breitete sich aus, als käme es tatsächlich aus einem tiefen Grund, um die Erde zu erleuchten. Das Dunkel wurde Orange, wurde Helligkeit, wurde sogar Wärme. Ein mystischer, einzigartiger Moment vor andachtsvoll verharrenden Zuschauern. Alles war still, es schien, als hielte jeder den Atem an. Das Erwachen der Welt! Der grosse alte Berg hatte sein Versprechen eingelöst!

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Der grosse Buddha von Leshan (der grösste freistehende Buddha der Welt)

Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich eine Statue vom Kopf her besichtigte. An der rechten Seite des 70m hohen, riesigen Buddhas führte eine gewinkelte Treppe herab. Zunächst stand ich auf Kopfhöhe und blickte – genau wie er – zu den Flüssen herüber und hinab.  Es ging steil abwärts, tief nach unten. Ein grandioser Ausblick. Unten strudelten die braunen Lehmfluten der drei Flüsse ineinander. 

Trotz der Grösse war das Gesicht ebenmässig ausgeführt, schmal und lang mit breit gezeichneten, halbgeschlossenen Augen, darunter eine gerade schmale Nase mit geschwungenen Nasenflügeln. Zwischen den Augenbrauen war das dritte Auge Buddhas durch einen kräftigen roten Punkt markiert. Irgendjemand musste ihn regelmässig nachfärben, aber wie? Auch die schwungvoll gemalten Augenbrauen schienen recht frisch. Ich stieg etliche Treppen zum Ohr hinunter, das etwa fünf Mal so gross war wie ich. Aus der Ohrmuschel wucherten Pflanzen und Moos, wie an der ganzen Statue an der Seite abwärts. Man hatte die gesamte Figur damals mit feinen Löchern versehen, damit die Feuchtigkeit abfliessen bzw. verdunsten konnte. In diesen feinen Kanälen hatte sich allerlei Bewuchs festgesetzt, dessen saftiges Grün malerisch mit dem Rotbraun der Statue kontrastierte und ihr etwas Organisches verlieh. Der Buddha war Teil der Natur geworden, die ihn umgab. Ich hielt mich an dem Geländer der rutschigen Treppe gut fest und stieg weiter hinunter. An den Schultern, die achtundzwanzig Meter breit waren, hatten sich dunkle Flechten und Moose wie Pelz links und rechts dicht abgelagert. Hier berührte die Figur beinahe die umgebenden Felsen, fast lehnte sie sich hinein. Wahrscheinlich fehlte es an Durchlüftung, üppig wuchsen dort die Pflanzen. Direkt unterhalb des Kopfes blieb der Oberkörper frei und hell, als trüge die Statue eine glatte Hemdbrust. Ich sah viele regelmässige runde Löcher, vermutlich auch zur Entwässerung und nicht, wie ich irgendwo las, Einschusslöcher aus der Revolutionszeit. Im Zickzack folgte ich der Treppe weiter nach unten und stand neben den breit auf den Oberschenkeln aufliegenden Händen, Pranken müsste ich sagen, denn jeder einzelne Finger war mehrere Meter lang. Die Hände waren frei von Pflanzen und offensichtlich trockener als die Schulterpartie. Breitbeinig sass er da, gute zwanzig Meter tiefer setzten seine Füsse auf den Grund auf. Von oben sah ich einen Menschen vor dem linken Fuss stehen, seine schwarze Tasche hatte er zwischen zwei Zehen abgestellt – ein winziger Punkt auf dem braunglänzenden Fuss. 

Besucher am Fuss des grossen Buddha – mit Tasche –

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Der Ringkampf der Sani

Der Ringkampf der Sani fand einmal im Jahr während des Frühlingsfestes statt; die besten Ringer aus den Dörfern trafen sich nahe des Dorfes Lunan zum Wettkampf. Die Fahrt führte nach Süden weg vom Karstgebirge des Steinwalds in eine ländliche Hügellandschaft mit Reisfeldern und niedrigen Lehmhäusern. Die Erde hatte hier ein rötlich-braune Farbe und sah fett und schwer aus. An einer Kreuzung stoppte der Fahrer und sprach mit einer Bäuerin am Strassenrand, die uns den Weg nach rechts wies und mehrfach in diese Richtung winkte. Also noch ein Stück zu fahren, dachte ich. Dann verengte sich die Sandstrasse, wurde sehr unwegsam und der Fahrer hielt in einer breiteren Kurve an. Von hier, so signalisierte er, müssten wir nun zu Fuss weitergehen, er würde hier stehen bleiben und uns in zwei Stunden erwarten. Er senkte den Fahrersitz in Schlafstellung herab und lehnte sich zurück. Wir hatten den Fahrpreis noch nicht bezahlt und verliessen uns darauf, dass er auf uns wartete. Immer geradeaus sollten wir gehen, dann würden wir nach einigen Kilometern den Kampfplatz sehen. Wir marschierten los, geradeaus und den ersten Hügel hinauf. Von oben sahen wir in der Ferne Menschen in dieselbe Richtung streben, später weitere aus einer anderen Richtung. Wir hatten tatsächlich den richtigen Weg gefunden. Ich erkannte Frauen in der farbigen Tracht, Männer in der gewohnten Kluft in Blau oder Grün mit Ballonmützen, bepackt mit Beuteln oder Körben, auch ein paar Eselskarren stiessen hinzu; und so bildete sich in der nächsten halben Stunde eine Art Tross auf den schmalen Pfaden durch die Reisfelder, dem wir im Gänsemarsch folgten. Niemand nahm uns zur Kenntnis und staunte uns an, wie sonst auf dem Land.

Ringkampf der Sani – Arena

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Epilog

Im Sommer 1983 näherte sich das Kolleg seinem Ende, die Wochen der Prüfungen begannen, davor lagen die Wochen der Vorbereitungen auf die einzelnen Prüfungsgänge. Alle wurden noch blasser, müder, angespannter – jetzt ging es ums Ganze!

Und dann, Anfang Juli, hatten ausnahmslos alle ihre Zertifikate in der Tasche, die ausländischen Dozenten ordneten das Material und packten ihre Koffer. Ich konnte meine Tai Chi-Prüfung beim Meister der Universität ablegen und erhielt ein schönes rotes Zertifikat mit goldenen Drachen. 

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Fast dreissig Jahre später, ich arbeitete inzwischen im Goethe-Institut Paris, fuhr ich zu einer Tagung nach Brüssel im TGV. Neben mir über den Gang saß eine zierliche dunkelhaarige Frau, die Zöpfe trug, das hatte ich lange nicht gesehen! Als sie mich ansah, erkannten wir uns sofort – es war die Mathematikstudentin aus meiner Klasse 5, die elf Monate lang genau vor mir gesessen hatte. Wir waren beide sehr berührt und trafen uns später in Paris, wo sie mit ihrem Mann, ebenfalls Mathematikprofessor, zu einem Forschungsaufenthalt eingeladen war. Wenige Jahre danach spürten mich weitere Ehemalige der Klasse 5 per Internet unter meinem neuen Namen auf, und nach mehr als dreissig Jahren standen eines Tages sieben von ihnen vor meiner Tür in Deutschland – ein wunderbares Wiedersehen mit meinen ehemaligen Studenten, die alle erfolgreiche Akademiker oder weltläufige Geschäftsleute geworden waren!

Klasse 5 mit Lehrerin

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